Sie alle heißen Indianer

Eines der bedeutendsten Indianerbücher für die Jugend in der 2. Hälfte des 20. Jhdts. mit einer handschriftlichen Signatur des Illustrators Gerhard Lahr auf dem Titel und einem ausführlicher maschinenschriftlichen Brief der Autorin Eva Lips an Gerhard Lahr. E. Lips (1906-1988) war Direktorin des Julius-Lips-Instituts für Ethnologie in Leipzig. 1934 emigrierte sie zusammen mit ihrem Mann, Prof. für Völkerkunde und Soziologie, nach Amerika. Er begründete dort 1937 den Lehrstuhl für Völkerkunde an der Howard Universität in Washington und wurde Leiter des Instituts für Anthroplogie.

"In dem Maße, in dem ethnische, geschichtliche und geographische Elemente zunehmen, werden die abenteuerliche Struktur und die romantische Kampfstimmung abgebaut. Dies Inianerbücher sprechen das Sachinteresse des Jugendlichen an und nehmen Züge des Sachbuches auf. Das Moment der Belehrung tritt stärker in den Vordergrund. Bleibt der erzählerische Grundton im allgemeinen noch erhalten, so werden die literarischen Gesetze des Sachbuchs in hohem Grade verwirklicht.". (Hasubek in LKJ II, S. 9 in Bezug zu vorliegendem Werk).

Die Illustrationen von Gerhard Lahr (1938-2012) vermitteln diese sachlich literarische Grundstimmung in außerordentlich intensiver Weise. Seine Darstellung der Lebensart und Kultur der nordamerikanischen Indianer steht gleichrangig dem anspruchsvollen Text gegenüber. "Ein Einzelprojekt auf höchstem Niveau." (HKJL - DDR-SBZ Sp. 61).

In dem ausführlichen Brief von E. Lips an G. Lahr bestätigt sie begeistert den Erhalt des Buches wie folgt: "Sein Anblick hat mich so tief ergriffen, das ich erst einige Zeit brauchte, um mich zu sammeln. Ich sehe auch, lieber Herr Lahr, wie sehr es auch Ihr Buch ist und vermisse schmerzhaft Ihren Namen auf dem Titelblatt. Was Sie geben, ist ihre Kultur, wie sie wirklich ist, und den Heroismus in ihren Gesichtern, wie er ebenfalls wirklich ist und ihre Landschaft. Ich bin wirklich stolz darauf, das mein Buch durch Ihre Interpretation so außerordentlich dem Zweck der 'Entkitschisierung' der Indianer dient".

Von großem Interesse ist auch das außergewönliche Register am Ende, wo sich indianische Sprachfamilien, Stammesbünde, sowie bedeutende indianische Persönblichkeiten finden.

Antiquariat Winfried Geisenheyner Bulletin No. 19, Frühjahr 2026

Eva Lips

Eva Lips wurde am 6. Februar 1906 als zweites Kind des Leipziger Verlegers Ernst Wiegandt in Leipzig geboren. Sie wuchs wohlbehütet auf. Frühzeitig wurden schon Leistungen von ihr gefordert und sie zur Achtung alles Geistigen und Künstlerischen erzogen. Fremdsprachen erlernen, Klavier spielen und Gedichte schreiben gehörte bei ihr ebenso zum Alltag wie der Besuch von Gewandhauskonzerten. Als Schülerin las sie gelegentlich Buchmanuskripte, die ihr Vater zum Verlegen erhalten hatte. In dieser Zeit erlernte sie das Korrekturlesen von Texten. Ihr erster selbst verfasster Text mit dem Titel "Die Seeleder Kakteen" erschien 1923 im Leipziger Tageblatt. Für Kakteen zeigte sie schon frühzeitig Interesse. Im Jahr 1923 erreichte sie die Obersekundarreife an einer Mädchenschule. Dort galt ihr Interesse den Fächern Deutsch und moderne Fremdsprachen.
Am 15. September 1925 heiratete sie Julius Lips, der Psychologie, Völkerkunde und Jura in Leipzig studierte. Sie zog mit ihrem Mann nach Frankfurt/Main und Köln, wo Julius Lips sich an der Universität habilitierte.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten legte Julius Lips sein Lehr- und Museumsamt nieder und emigrierte 1934 nach Frankreich, wohin Eva ihrem Mann folgte. Schon um die Jahreswende 1933/34 wurde ihnen die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Ihr Vermögen wurde eingezogen, das Haus in Köln-Klettenberg enteignet. Durch ihr Elternhaus geprägt, bedeutete für sie, ohne ein weißes Tischtuch eine Mahlzeit ein zu nehmen, Ärmlichkeit. Und ärmlich lebten sie in Paris. Ebenfalls um die Jahreswende 1933/34 erhielt Julius Lips eine Depesche aus New York, die ihn als Professor für Völkerkunde und Recht an die Columbia University berief. Im Mai 1934 wanderten sie in die USA aus, da für sie und ihren Mann, ein SPD-Mitglied, der Gedanke unerträglich war, dass künftig Rassismus die Völkerkunde beherrschen würde. Dort trafen die Eheleute Lips zum ersten Mal auf Indianer, die daraufhin ihre Forschungen wesentlich bestimmten.

Auch in den USA war Eva die erste und wichtigste Mitarbeiterin ihres Mannes - an der Howard University Washington seine Assistentin, an der Columbia University seine wissenschaftliche Mitarbeiterin. An der New School for Social Research in New York hielt sie selbst Vorlesungen über Völkerkunde. Sie kam bei ihren Vorträgen viel im Land herum. Sie fotografierte, notierte und zeichnete auf, was sie erlebte. Zwei Bücher schrieb sie in dieser Zeit - von ihrem Erlös konnten das Ehepaar eine Weltreise antreten.

Das erste Buch "Savage Symphony. A personal record of the Third Reich", 1938 entstanden, erschien ebenfalls in Stockholm. Das zweite "Rebirth in liberty" erschien 1942 nur in den USA.

Wer sich, wie die Eheleute Lips, schon lange mit der Erforschung indianischen Rechts und indianischer Wirtschaftformen beschäftigt hat, musste die Gelegenheit beim Schopf fassen, näher die Kultur derselben kennen zu lernen. Bis alle Genehmigungen und das erforderliche Geld für die erste Expedition zusammen war, wurde es Sommer 1935. Die Expedition ging zu den Naskapi-Indianern auf der Labrador-Halbinsel. Eine weitere Expedition führte sie 1947 zu den Ojibwa von Nordminnesota, einem von weißer Kultur kaum beeinflussten Stamm der "Erntevölker" - ein von Julius Lips geprägter Begriff. Da die beiden ohne die Anmaßung der "Weißen" und aufrichtiger Natürlichkeit den Mitgliedern des Ojibwa-Stamm entgegen traten, ließen diese sie an ihrem Leben teilnehmen, und die Lips vermochten, tiefe Einblicke und wichtige Erkenntnisse zu gewinnen. Zu Menschen zweier Indianerstämme hielten sie freundschaftliche Kontakte. Bei all seinen Feldforschungen und den damit verbundenen Ausarbeitungen war Eva Lips die engste Mitarbeiterin von Julius Lips gewesen, ohne dass sie ein reguläres Studium absolviert hätte.

Im Oktober 1948 kehrten Eva und Julius Lips nach Leipzig zurück. Julius Lips, kurzzeitig Direktor des Instituts für Ethnologie und Vergleichende Rechtssoziologie, wurde 1949 zum Rektor der Universität Leipzig gewählt. Nachdem Julius Lips im Januar 1950 im Alter von 54 Jahren verstorben war, übernahm Eva Lips im April 1950 die Geschäftsleitung des Instituts, das in Julius-Lips-Institut für Ethnologie und Vergleichende Rechtssoziologie umbenannt wurde. Sie schrieb an Heinrich Mann, mit dem das Ehepaar Lips eine jahrelange Freundschaft verband, dass sie weiterleben müsse, um das teils unvollendete Werk ihres Mannes fort zu führen.

Eva Lips promovierte im März 1951 mit einer Dissertation zu "Wanderungen und Wirtschaftsformen der Ojibwa-Indianer". Bereits vor ihrer Promotion lehrte sie. Themen ihrer Vorlesungen waren u.a. "Einführung in die vergleichende Völkerkunde", " Grundlagen der Völkerkunde", " Völkerkunde Nordamerikas" und "Magie, Mythos und Religion". 1954 habilitierte sich Eva Lips und erhielt die Lehrbefugnis für Ethnologie und vergleichende Rechtssoziologie. Ihre Habilitationsschrift erschien 1956 unter dem Titel "Die Reisernte der Ojibwa-Indianer. Wirtschaft und Recht eines Erntevolkes". Sie wurde 1960 zur Professorin mit vollem Lehrauftrag und 1966 zur Professorin mit Lehrstuhl ernannt. Im selben Jahr wurde sie emeritiert.

"Das liest sich so glatt, scheint nicht weiter auffallend…. Der Schein trügt. Er verschweigt die Konsequenz, Disziplin und Besessenheit der Wissenschaftlerin - an kleine Ziele hat sie sich nie verschwendet."

Ob Betreuung von größeren wissenschaftlichen Arbeiten ihrer Studenten, die Vorbereitung von wissenschaftlichen öffentlichen Vorträgen oder die Arbeit als Vorsitzende der Hochschulgruppe Leipzig des Kulturbundes - immer war sie mit vollem Einsatz ihrer Person dabei.

"Wer nichts schreibt, der wird nichts", war ihre Devise. Die Liste ihrer wissenschaftlichen Publikationen umfasst an die hundert Titel, aber ungefähr zehn Bücher hat sie für das allgemeinere Publikum geschrieben oder aus dem Englischen übersetzt, auch hat sie Bücher ihres Mannes vollendet. "Die schönsten Bücher: "Das Indianerbuch" (in dem über die Indianer beider Amerika geschrieben ist), "Sie heißen alle Indianer" (ein in vielen europäischen Ländern erschienenes Kinderbuch über die Indianer der USA und Kanadas), "Zwischen Lehrstuhl und Indianerzelt" (sowohl ein Beitrag über Indianer als auch eine Biografie von Julius und Eva Lips), "Weisheit zwischen Eis und Urwald" (eine köstliche Sammlung von aphoristisch- kurzen, auch sarkastischen Lebensweisheiten der " Naturvölker"). Zu den besonders eindringlichen Unterweisungen über das Thema Eurozentrismus gehört das Buch "Der Weiße im Spiegel der Farbigen" von Julius Lips - 1937 erschien es in englischer Sprache, für deutsche Leser nicht erreichbar. Die Übersetzung und Herausgabe dieses Buchs war die letzte große Arbeit, die Eva Lips leistete. 1987 erhielt Eva Lips die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde.
Im Jahr darauf starb sie am 24. Juni. (Grabmal auf dem Südfriedhof in Leipzig)

Undine Jung, Mai 2012

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